„Kreativität ist unendlich.“
Oder: Warum man sich nicht von der aktuellen politischen Lage ausbremsen lassen sollte
Eigentlich versuche ich, politische Statements auf dieser Seite zu vermeiden. Aber manchmal nimmt das Zeitgeschehen so viel Raum ein, dass es das persönliche Empfinden beeinflusst und damit auch die kreative Arbeit.
Die letzten Wochen dürften für alle von uns, die ein schlagendes Herz zwischen ihren Rippen wissen, sehr schwer gewesen sein. Ich bin noch immer fassungslos angesichts der Bilder, die mir in den Medien aus der Ukraine begegnen und dem, was in einem europäischen Land geschieht. Obwohl man sich innerlich bereits darauf vorbereitet hatte.
Zugleich schäme ich mich, dass ich mit anderen weltweiten Konflikten zwar Mitgefühl spürte, aber keine Identifikation. Ob es an der räumlichen Nähe liegt? An den kulturellen Ähnlichkeiten? Ich weiß es nicht. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich mich mein ganzes Leben bisher relativ sicher fühlte. Bis vor vier Wochen lebte ich in der Überzeugung, dass meine Familie nicht von Krieg bedroht und damit vom Schicksal gesegnet sind. Frieden ist keine Selbstverständlichkeit, aber in Europa schien er selbstverständlich. All diese Menschen, die fliehen mussten, verletzt wurden oder ihr Leben ließen, gingen vor zwei Monaten noch wie ich zur Arbeit, in den Supermarkt oder halfen ihren Kindern bei den Hausaufgaben.
Und nun soll man ohne schlechtes Gewissen sein Familienleben leben, arbeiten, seinem Hobby frönen, Babybäuche fotografieren, teure Objektive kaufen, in den Urlaub fahren, Quatsch auf YouTube fabrizieren? Ist das angemessen?
Ich glaube, es geht aktuell nicht nur darum, ein anderes Land zu erobern, sondern auch die restliche Welt einzuschüchtern. In dem Moment, wo ich mich entschließe, nicht mehr kreativ zu sein, Freude in mir zu spüren und sie anderen zu geben, wird die Welt ein kleines bisschen so, wie es die andere Seite gerne hätte.
Und damit wären wir bei dem guten britischen Satz aus dem letzten Weltkrieg, der vor ein paar Jahren von jeder zweiten Postkarte grinste: keep calm and carry on.

„Ich muss einfach kreativ bleiben, denke ich, nicht um etwas zu beweisen, sondern weil es mich glücklich macht… Ich glaube, kreativ sein zu wollen und sich kreativ zu beschäftigen heißt oft gleichzeitig auch, am Leben zu bleiben.“
Willie Nelson
Nur, weil ich weiterhin mit meiner Tochter einen Ausflug mache, bin ich nicht unempathisch mit Menschen, die ihr Zuhause verloren haben. Ich kann mitfühlend sein und mich weiterhin daran erfreuen, dass mich morgens das Gezwitscher der Vögel weckt.
Vermutlich haben die Menschen, die gerade dieses Unheil anrichten, von Liebe, Zugewandtheit, Kreativität, Freiheit und Freude genauso viel Verständnis wie Pantoffeltierchen. Allein deshalb sollte man diese menschlichen Fähigkeiten feiern und leben. Das bedeutet freilich nicht, sich vor der Wirklichkeit zu verstecken und sich nicht mit ihr auseinander zu setzen. Aber wir haben die Wahl, wie wir darauf reagieren.
Vor einigen Tagen konnte ich in Austin Kleons wunderbaren Büchlein „Gib nicht auf“ folgende Sätze lesen:
„Noch vor ein paar Jahren bin ich morgens aufgewacht, habe auf dem Smartphone Nachrichten gelesen und jedes Mal das Gefühl gehabt, als wäre die Welt über Nacht einfach nur noch bescheuerter und fieser geworden. Ich war damals seit mehr als zehn Jahren als Autor und Künstler tätig; trotzdem schien es nicht leichter zu werden. Sollte es mit der Zeit nicht leichter werden?
Es wurde tatsächlich leichter, als ich irgendwann meinen Frieden mit der Erkenntnis gemacht habe, dass es womöglich nie leichter würde. Diese Welt ist nun mal verrückt. Kreativarbeit ist ein hartes Brot. Das Leben ist kurz und Kreativität ist unendlich.“
Kleon, Austin: Gib nicht auf! München 2020